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  • Protestantische Kommunikationsformen
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Protestantische Voten in den ethischen Debatten der alten Bundesrepublik lassen ein doppeltes Grundinteresse erkennen. Sie zielten darauf, in konkreter, konstruktiver Weise Realisierungsformen des Christlichen in der modernen Gesellschaft zu beschreiben. Zugleich stand im Hintergrund aber immer auch das Interesse an einer kritischen Selbstreflexion des zeitgenössischen Protestantismus über die eigene, angemessene Rolle in der modernen Gesellschaft. Konstruktive Gesellschaftsgestaltung und theologische Selbstkritik sind in den protestantischen Voten niemals voneinander zu trennen. Vielmehr führte diese Verbindung zur Herausbildung eigener Kommunikationsformen: Die Beteiligung des Protestantismus an den ethischen Debatten der alten Bundesrepublik vollzog sich in spezifischen kommunikativen Netzwerken, die sich ihre eigenen publizistischen Foren, diskursiven Einrichtungen und sozialen Orte schufen. Die Leitperspektive richtet den Blick auf solche Kommunikationsformen und achtet dabei insbesondere auf die Verflochtenheit von protestantischer Gegenwartsgestaltung und protestantischer Selbstsuche.

Das Teilprojekt wird betreut von Prof. Dr. Christian Albrecht

Unterprojekte dieses Teilprojekts:


Kommunikation durch Professionalisierung. Evangelische Beratungspraxis zwischen biologischem und sozialem Lebensschutz

Das Projekt wird bearbeitet von Nicola Aller

Das Dissertationsprojekt „Kommunikation durch Professionalisierung. Evangelische Beratungspraxis zwischen biologischem und sozialem Lebensschutz“ befasst sich mit beziehungsethischen Fragestellungen, die insbesondere in den 70er und 80er Jahren in der Bonner Republik relevant wurden. Dabei untersucht es die immer evidenter werdende Professionalisierung in der Entwicklung der Beratung. Als ein sozialer Ort, an dem Konflikte um Beziehungen virulent werden, können evangelische Beratungsstellen in der Bundesrepublik gelten. In der historischen Entstehung und Weiterentwicklung dieser Beratungsstellen spielen ethische Kontroversen eine besondere Rolle.

Besonders interessant sind in den zu untersuchenden Jahrzehnten die Debatten um Schwangerschaftskonfliktberatung in Auseinandersetzung mit der Veränderung des Frauenbildes im Zuge weiblicher Emanzipationsprozesseund der 68er-Generation. Auch die Bedeutung von Ehe und Familie im Horizont christlichen Glaubens und die Entwicklung familiärer Systeme sowie die Kindererziehung im Wandel der Erziehungsvorstellungen sind in der Zeit vorherrschende Themen in der Beratung. Ausdifferenzierungs- und Individualisierungstendenzen prägen diese Veränderungsprozesse dabei maßgeblich. In solchen materialethischen wie praktisch relevanten Fragen wird die Spannung zwischen Professionalität und protestantischem Selbstverständnis besonders deutlich. Hier ist zu fragen, wie die Entwicklung eines professionellen Verständnisses von Beratung mit der Schärfung der protestantischen Selbstwahrnehmung in einer sich ausdifferenzierenden pluralen Gesellschaft und der gleichzeitigen Positionierung im interdisziplinaren Kommunikations- und Professionskontext einhergeht. Welchen theologischen und ethischen Voraussetzungen eine evangelische Beratungsstelle Rechnung zu tragen hat und wie sich dazu bspw. ‚Neutralität in der Beratung‘ oder ‚Klientenzentrierung‘ verhalten, wird in komplexen Diskussionsprozessen verhandelt. Deren Endprodukte sind in Positionspapieren, in der Festlegung von professionellen Beratungs- und Supervisions-Standards sowie in Ausbildungsrichtlinien festgehalten. Dem Professionalisierungsprozess will das Projekt auf die Spur kommen, indem aussagekräftiges Material untersucht wird. Zu diesem forschungsrelevanten Material gehören neben den schon genannten Quellen außerdem sowohl Zeitungs- und Zeitschriftenartikel als auch halböffentliches Material wie Mitschriften etc. aus dem Zeitraum von 1949 bis 1989. Insgesamt dient die Erforschung der ethischen Debatten dazu, Verflechtungen zwischen Protestantismus und Gesellschaft transparent zu machen. Dabei setzt dieses Projekt die Erforschung des Aufbaus kommunikativer Foren durch akteursorientierte Netzwerkbildung aus der ersten Förderphase fort.

Kommunikation durch Differenzierung. Die Beteiligung der FEST an der Debatte um die Nutzung der Kernenergie und die Beteiligung der Kirchen an den Debatten um die Privatisierung der Medien

Das Projekt wird bearbeitet durch Annette Haußmann

Der gesellschaftliche Wandel in den 1970er und 1980er Jahren lässt sich holzschnittartig u.a. mit den Stichworten der Politisierung, Pluralisierung und Differenzierung beschreiben. Solche Ausdifferenzierungsprozesse schlagen sich auch in der protestantischen Kommunikation nieder, für die sich eine zunehmende Spezialisierung beobachten lässt. In zwei Teilprojekten folgt das Unterprojekt der Beobachtung, dass für kirchliche Positionierungen in ethischen Debatten immer mehr Analyseleistungen aus anderen nichttheologischen Disziplinen zu Rate gezogen werden. Dies geschieht nicht zuletzt aufgrund einer anwachsenden Komplexität, die von kirchlichen Akteuren allein nicht mehr dem Gegenstand angemessen überschaut werden kann. Es soll der These nachgegangen werden, dass in ethischen Debatten nicht mehr allein auf theologisch normative Begründungsmuster zurückgegriffen werden kann, sondern eine Notwendigkeit entsteht, sich im öffentlichen Diskurs mit rational nachvollziehbaren Spezialkenntnissen zu verorten.

Im ersten Teilprojekt wird die Spezialisierung als Verwissenschaftlichung am Beispiel der FEST (Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft, Heidelberg) exemplarisch an der ethischen Debatte über die friedliche Nutzung der Atomenergie untersucht. Das interdisziplinär arbeitende Institut agiert als protestantischer Think Tank und beteiligt sich ab seiner Gründung maßgeblich an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Als die FEST 1977 das von der badischen Landeskirche in Auftrag gegebene Gutachten zur Energiepolitik herausgibt, das sich differenziert aber kritisch zur Kernenergienutzung äußert, löst es breite kirchliche, wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Resonanzen aus. Diese Debatte eignet sich gut, weil am Beispiel der Arbeitsweise und Struktur der Forschungsstätte die Vernetzung von Wissenschaft, Politik und Kirche analysiert werden kann und damit gleichzeitig Rückschlüsse auf die Ausbildung eines differenzierten protestantischen Selbstverständnisses möglich sind.

Als weitere Form einer Spezialisierung kommt die Debatte um die Privatisierung der Medien durch Breitbandkommunikation und Kabelfernsehen im zweiten Teilprojekt in den Blick. Der Rundfunk ist in seiner Bedeutung als zentrales Organ der Wissensverbreitung auf den Prüfstand gestellt, denn aufgrund der Politisierung der Gesellschaft entsteht ein wachsendes Bedürfnis nach Meinungsbildung und Orientierung in der Vielfalt der Positionen. Bereits ab den 1960ern wird die mögliche Privatisierung des Rundfunks kritisch innerhalb kirchlicher Netzwerke diskutiert. Wenn nun künftig jeder eine Rundfunkanstalt gründen kann, wer bestimmt dann, welches Wissen und welche Meinungen verbreitet werden? Im Zentrum der Auseinandersetzungen stehen die Qualität des Rundfunks, die Unabhängigkeit des Journalismus und das Recht auf qualitativ hochwertiges und unabhängiges Programm als Öffentlichkeitsauftrag der Kirche und des Staates. Aber auch Fragen, die um das Verhältnis von Staat, Kirche und Öffentlichkeit kreisen, werden unter zu Hilfenahme von interdisziplinären und internationalen Studien kritisch betrachtet.

Auf drei Ebenen soll die Kommunikation als Spezialisierung untersucht werden: erstens das Selbstverständnis protestantischer Akteure, zweitens die innerprotestantische Diskussion in Netzwerken und drittens die Rezeption protestantischer Äußerungen zu ethischen Debatten in der gesamtgesellschaftlichen Öffentlichkeit.

Kommunikation durch Popularisierung. Kulturelle Repräsentationen protestantischer Friedensethik im neuen Kirchenlied

Das Projekt wird bearbeitet durch Katharina Herrmann

In diesem Unterprojekt wird die Kommunikation der protestantischen Friedensethik im Neuen geistlichen Lied als einem Medium der Popularisierung untersucht, das friedensethische Positionen im Dialog unterschiedlicher Akteure produziert wie distribuiert. Daraus ergeben sich mehrere zu untersuchende Fragestellungen: Zum einen sollen die Lieder als Medium der Kommunikation friedensethischer Überzeugungen untersucht werden, wobei auch auf die theologische Verzahnung der Friedensthematik mit den Themen Verantwortung, Mitgestaltung der Schöpfung und Nachfolge zu achten ist. Zum anderen werden die Lieder auch als Objekt der Kommunikation in den Blick genommen: Auch Debatten über die Auswahl, Verbreitung und Nutzung der Lieder sollen nicht nur auf ihren friedensethischen Gehalt, sondern auch auf eine auf einer tieferen Ebene stattfindende Diskussion über den Protestantismus in seinem Verhältnis zu Politik und Kultur hin überprüft werden.

Der Fokus des Projektes liegt also nicht auf dem Neuen geistlichen Lied als solchem, sondern auf dem neuen Kirchenlied als Medium und Objekt protestantischer Kommunikation. Damit steht das Forschungsprojekt, das Popularisierungsprozesse in den Blick nimmt, in einem engen Zusammenhang zu den Aspekten der Professionalisierung und Spezialisierung, die in anderen Unterprojekten des Teilprojektes zu protestantischen Kommunikationsformen im Zentrum stehen.

Im Einzelnen sollen hierbei die Liederhefte zu den Kirchentagen zwischen 1969 und 1989 sowie die Entstehungsprozesse selbiger Liederhefte untersucht werden. Diese Engführung liegt vor allem deswegen nahe, da der Deutsche Evangelische Kirchentag zum einen selbst eine institutionelle Einrichtung von hoher protestantischer und kultureller Relevanz ist, die die gesellschaftliche Diskussionen prägt und aufgreift. Zum anderen ist er ein soziales wie gesellschafts- und kirchenpolitisches Zentrum für die Debatten über die Veränderungen des Liedgutes. Beides schlägt sich auch in den Diskussionsprozessen um Auswahl, Inhalt und Theologie der Lieder nieder, die die Arbeit der Kommissionen, die für die Erstellung der Liederhefte zuständig waren, jeweils geprägt haben. Die Dokumentationen zu diesen Debatten werden daher ebenso einen Untersuchungsschwerpunkt des Dissertationsprojektes darstellen wie die Texte der Lieder, die diesen entstammen, selbst.

Kommunikation in Netzwerken (abgeschlossen)

Das Projekt wurde bearbeitet durch Sabrina Hoppe

Als „Kontinuität im Wandel“ bezeichnete Trutz Rendtorff einmal die Entwicklungen der evangelischen Sozialethik nach 1945. Eben dies gilt auch für die Biographien der protestantischen Akteure, die im Teilprojekt „Kommunikation in Netzwerken“ im Mittelpunkt stehen sollen: Sie sind Kriegskinder, Kinder des Aufbaus, des Wandels und des Neuanfangs, junge Demokraten und Netzwerker, Politiker und Demagogen des Neuanfangs – und sie sind verwoben in die ethischen Diskurse der Nachkriegszeit, die durch die Gesichter und Geschichten dieser Protagonisten lebendig werden und ein Gesicht bekommen.

Es stehen protestantische Laien als Akteure des Protestantismus im Vordergrund, und zwar nicht in dem Sinne einer Biographiearbeit, die den Schwerpunkt auf die Entwicklungen und Lebenslinien der jeweiligen Akteure legt, sondern in dem Sinne, dass die Vernetzung dieser Akteure in den Blick kommt: Wer kannte wen, wozu wurde die Bekanntschaft politisch genutzt, wer beeinflusste wen bei welchem gesellschaftlichem Thema. Es geht damit unter anderem anhand der Methode der Netzwerkanalyse um die Erschließung von Kommunikationsnetzwerken, um den Informations- und Wissensaustausch zwischen sozialen Akteuren zu ergründen.

Die Analyse der Netzwerke erfolgt dabei in doppelter Hinsicht:

  1. Zum einen kommen die publizistischen Aktivitäten der protestantischen Protagonisten in den Blick, dabei sollen ihre Veröffentlichungen in den beiden Verlagen Kreuz und Radius ebenfalls unter dem Theorem der Netzwerkbildung erfasst werden. Die beiden Verlage gehörten in der Nachkriegszeit zu den wichtigsten publizistischen Foren ethischer Diskurse und geben Zeugnis von der dort erfolgten protestantischen Selbstverständigung.
  2. Zum anderen soll das Wirken der Akteure in sog. Foren des gesellschaftlichen Engagements untersucht werden, dazu zählen bekanntermaßen die Evangelischen Akademien und der Deutsche Evangelische Kirchentag. Doch auch hier kann der Forschung nicht mit einer allein geschichtlichen Analyse geholfen werden, vielmehr sollen auch bei der Erforschung dieser Foren die Netzwerke in den Blick genommen werden, die im Hintergrund der öffentlichen Debatten in den Akademien und auf den Kirchentagen stehen: Protestantische Netzwerke wie der Kronberger Kreis, die Deutsche Studentenvereinigung und die Evangelische Akademikerschaft zogen im Hintergund die Fäden, unterhielten enge Beziehungen zu Politik und Wirtschaft und bieten eine Fülle von Material zur Analyse protestantischer Milieus in der Nachkriegszeit.

Kommunikation in öffentlich-rechtlichen Medien (abgeschlossen)

Das Projekt wurde bearbeitet durch Teresa Klement (geb. Schall)

Die sogenannten „langen 60er Jahre“ waren von Transformationen sowohl in Gesellschaft als auch in Kirche und Medien geprägt. Mit Aufkommen des Fernsehens als Massenmedium muss auch der Protestantismus seine Rolle in der Medienlandschaft überdenken: wie sollen die neuen Medien genutzt werden? Welche Themen sollen in Hörfunk und Fernsehen debattiert werden? Und inwieweit soll der Protestantismus, im Blick auf die mediengeschichtlichen Veränderungen der BRD, Träger eines ethischen Christentums sein?

Das Dissertationsprojekt „Kommunikation in öffentlich-rechtlichen Medien“ befasst sich mit der Kommunikation des Protestantismus in öffentlich-rechtlichen Mediensystemen. Die Konzentration liegt dabei auf dem Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen). Leitende Fragen sollen sein, wie protestantische Stellungnahmen zu ethischen Fragen in den Medien vorkommen, welche Formen der Herstellung von Öffentlichkeit die protestantischen Akteure beabsichtigen und wie sie dann auf die mediale Veröffentlichung ihrer eigenen Positionen reagieren.

Aufgabe ist es, anhand einer spezifischen Debatte, diese Stellungnahmen nicht nur zu analysieren und darüber die protestantischen Sichtweisen zu ermitteln, sondern es sollen sowohl das Selbstverständnis des Protestantismus als auch das Öffentlichkeitsverständnis und das Verständnis vom eigenen Öffentlichkeitsauftrag, das in den Äußerungen selbst, aber auch in der selbstreflexiven Kommentierung in Erscheinung tritt, geklärt werden.

Als Quellen sollen neben den Sendereihen der offiziellen Kirchenredaktionen auch die Berichterstattungen über religiöse und kirchliche Debattenbeiträge zu den ethischen Kontroversen dienen.

Kommunikation durch Architektur (abgeschlossen)

Das Projekt wurde bearbeitet durch Philipp Stoltz

Das Dissertationsprojekt untersucht die Kommunikation ethischer Themen durch Architektur unter einer doppelten Fragestellung: Zum einen fragt es danach, inwiefern ethische Optionen protestantischer Gesellschaftsgestaltung in den Debatten über Bauwerke und in der Gestaltung von Bauwerken zur Darstellung kamen, beispielsweise in Entscheidungen über den Bautyp, den Baustil oder das städtebauliche Arrangement. Zum anderen soll nach den Rückwirkungen gefragt werden, die bauliche Selbstdarstellungen des Protestantismus auf diesen selbst hatten, sei es durch deren zeitgenössische Rezeption, durch besondere Nutzungskonzepte oder durch spätere Bezugnahme. Auf diese Weise ergänzt das Projekt die klassischen historischen und kunstwissenschaftlichen Betrachtungsweisen des Kirchenbaus um eine dezidiert ethische Perspektive, indem sie die Gebäude als performativen Beitrag zu ethischen Diskursen erfasst.

Konkret untersucht das Projekt zunächst den Evangelischen Kirchbautag. Dieser förmliche Zusammenschluss von Architekten, Theologen, kirchlichen Leitungspersonen, Künstlern und Repräsentanten des öffentlichen Lebens diente seit 1949 dem Protestantismus als Forum für Fragen des Kirchenbaus und der kirchlichen Kunst. Unter Begriffen wie 'Säkularisierung' oder 'Kirche für andere' wurden dort vor allem in den 60er Jahren ethische Debatten über Präsenz und Auftrag der Kirche und des Kirchenbaus geführt. Im Bautyp 'Gemeindezentrum' wurden diese Auseinandersetzungen schließlich in ein architektonisches Programm überführt, das durch Konzepte wie 'Entsakralisierung und Gestaltprofanierung' die ethischen Debatten konstruktiv aufgriff. Das Projekt versucht die Konzepte und Umsetzungen anhand ausgewählter Bauwerke zu analysieren und nach Rückwirkungen zu fragen, die das Gemeindezentrum auf Protestantismus und Gesellschaft hatte.

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