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3.3 Musikwissenschaft

Die Geschichtswissenschaft gehört zu den geisteswissenschaftlichen Fachdisziplinen, in denen bislang kaum explizit disziplinäre Metadatenstandards entwickelt wurden. Hierfür sind sicherlich zwei Aspekte von Bedeutung. Einerseits handelt es sich bei der Geschichtswissenschaft um eine Disziplin, die keinen festen und standardisierten Kanon an Forschungsfragen und Erkenntnisinteressen besitzt. Dies hängt in einem starken Maße damit zusammen, dass diese Disziplin oft fachübergreifend und interdisziplinär forscht, um beispielsweise Ereignisse und Entwicklungen der Vergangenheit in unterschiedlichen Themenkomplexen zu erarbeiten. Die Geschichtswissenschaft und die heutigen Historiker-Communities beschäftigen sich schon lange nicht mehr ausschließlich mit den Fragen, “wer-wann-was-getan” hat bzw. “wann-was-warum-geschah”, sondern interdisziplinäre und auch transnationale bzw. interkulturelle Fragestellungen stehen im Mittelpunkt der derzeitigen Forschungsaktivitäten.1

Andererseits werden für die Forschung höchst unterschiedliche Forschungsdaten und Quellen verwendet. Neben der Sekundärliteratur verwenden Historiker eine Vielzahl gänzlich unterschiedlicher schriftlicher Quellen; von mittelalterlichen Urkunden und frühneuzeitlichen Druckschriften über Tageszeitungen des 19. Jahrhunderts und Verwaltungsschriftgut bis hin zu Korrespondenz und persönlichen individuellen Schriften. Zudem werden in einem historischen Forschungsprozess aber auch vielfältige nicht text-basierte Quellen und Forschungsdaten verwendet  die folgende Aufzählung soll hier als Illustration dienen: Siegel, Münzen, Inschriften, Karten, Gemälde, Fotografien, Plakate, Statistiken, Oral-History-Interviews, Rundfunksendungen, Noten, Wetter- und Klimadaten, Denkmäler, Fassadenabwicklungen, sonstige bauliche Überreste usw.2 Diese Vielfalt an potentiellem Quellen- und Datenmaterial sind der zentrale Grund, weshalb sich disziplinäre Metadatenformate für die Geschichtswissenschaft bislang nicht herausbilden konnten und weshalb es auch zukünftig unwahrscheinlich sein dürfte, dass sich explizit historische Metadatenformate, die mehrere Forschungsdatentypen bzw. -kategorien umfassen, entwickeln werden.

Aus diesem Grund werden in der Geschichtswissenschaft zum jetzigen Zeitpunkt eine Vielzahl der in diesem Report genannten Formate, Standards und Normdatentypologisierungen verwendet, oftmals auch in Mischformen oder in Auszügen. Am meisten gebräuchlich sind Dublin Core (DC) und darüber hinaus das im Kontext des DFG-Viewers verwendete METS-Anwendungsprofil. Dies liegt sicherlich vor allem an den Praxisregeln Digitalisierung, die von der DFG im Rahmen des Förderprogramms Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme (LIS) als verbindliche Empfehlung für Digitalisierungsprojekte im Jahre 2009 herausgegeben wurden. Die Rezeption dieser Empfehlung zeigt zudem sehr deutlich, dass Empfehlungen von Seiten der Forschungsförderer in Deutschland, die auf “Best-Practice-Erfahrungen” und auf der wissenschaftlichen Expertise von Forschern und Bibliothekaren fußen, eine generische und unmittelbare Wirkung auf Standardisierungsbewegungen in den Geisteswissenschaften haben können. Gerade hinsichtlich zukünftiger notwendiger Entwicklungen wären weitere Empfehlungen und Praxisregeln, speziell für Quellen- und Datensammlungen, die sich aus heterogenen Datentypen zusammensetzen, wünschenswert.

Im Bereich der historisch-kritischen Editionen hat sich in den letzten Jahren die Verwendung von XML-ausgezeichnetem Datenmaterial auf Basis von TEI als Standard durchgesetzt. Dies ist eine Entwicklung, die auch in anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die mit Texten arbeiten, stattfand.3 Die Anreicherung der Texte erfolgt zudem in zunehmendem Maße durch Normdaten wie Personen-, Orts- und Sachinformationen, die meist auf nationalen bzw. internationalen Referenzsystemen basieren wie z. B. auf der GND (Gemeinsamen Normdatei) oder dem TGN (Getty Thesaurus of Geographic Names).

Im Jahre 2004 wurde auf einer Tagung an der LMU München von einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern beschlossen, die Charters Encoding Initiative (CEI) zu initiieren, die das Ziel verfolgt, mittelalterliche und frühneuzeitliche Urkunden elektronisch unter Zuhilfenahme von XML auszuzeichnen. Hieraus hat sich der CEI-Standard entwickelt, der ein exzellentes Beispiel dafür ist, dass Metadatenstandards, die in der Geschichtswissenschaft verwendet werden, nicht ausschließlich einen disziplinären Charakter aufweisen, sondern auf spezifische Quellen- und Datentypen angewandt werden. Das nachfolgende Codebeispiel zeigt eine Codierung im CEI-Standard. Weitere Beispiele für mit CEI ausgezeichnete Dokumente sind auf der CEI-Website verfügbar; nähere Ausführungen finden sich ebenda im Unterkapitel zur Diplomatik.

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<cei:text xmlns="http://www.monasterium.net/NS/cei" xmlns:cei="http://www.monasterium.net/NS/cei" b_name="St. Dorothea, CanReg" id="222137" n="St. Dorothea, CanReg$892" type="charter">
   <cei:front>
      <cei:sourceDesc>
         <cei:sourceDescRegest>
            <cei:bibl>Kartei Stiftsarchiv Klosterneuburg</cei:bibl>
         </cei:sourceDescRegest>
      </cei.sourceDesc>
   </cei:front>
   <cei:body>
      <cei:idno id="1775_IV_08" old="222137">1775 IV 08</cei:idno>
      <cei:chDesc>
         <cei:abstract>Salvatorkirche, Wien (Messenstiftung). Josef Georg Hörl Bürgermeister der Stadt Wien, bestätigt, dass, da das Stift St. Dorothea die
         Stiftung der Maria Claudia Demut nicht angenommen habe, das Stiftungskapital von 2000 Gulden auf Wunsch der Universalerbin Maria Anna Demut der St.
         Salvatorkapelle übergeben wurde.</cei:abstract>
         <cei:issued>
            <cei:placeName>Wien</cei:placeName>
            <cei:dateRange to="17750408" from="17750408">8. April 1775</cei:dateRange>
         </cei:issued>
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            <cei:traditioForm>orig.</cei:traditioForm>
            <cei:archIdentifier>
               <cei:arch>Stiftsarchiv Klosterneuburg (http://www.stift-klosterneuburg.at)</cei:arch>
            </cei:archIdentifier>
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               <cei:material>Pergament</cei:material>
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               <cei:sealDesc>
                  <cei:seal>Ein anhangendes Siegel.</cei:seal>
                  <cei:seal>Siegler: Der Bürgermeister.</cei:seal>  
               </cei:sealDesc>
            </cei:auth>
         </cei:witnessOrig>
         <cei:witListPar>
            <cei:witness>
               <cei:traditioForm>cop.</cei:traditioForm>
               Handschrift D 80, D, Nr. 34                                
            </cei:witness>
         </cei:witListPar>
         <cei:diplomaticAnalysis>
            <cei:quoteOriginaldatierung>Den 8. April monaths</cei:quoteOriginaldatierung>
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               <cei:bibl>Quellen zur Geschichte der Stadt Wien, I. Abt., III. Bd. (Regesten), 2607, S. 80</cei:bibl>
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         </cei:diplomaticAnalysis>
         <cei:lang_MOM>Deutsch</cei:lang_MOM>
      </cei:chDesc>
   </cei:body>
   <cei:back>
      <cei:divNotes/>
   </cei:back>
</cei:text>   

CEI Beispielcodierung Monasterium

Während die bisher genannten Beispiele vor allem dazu genutzt werden können, Dokumente und Quellen zu erfassen und zu beschreiben, wird die Encoded Archival Description (EAD) auf Basis von XML für die Beschreibung von Findmitteln aus Archiven, Museen und Bibliotheken verwendet. EAD wurde speziell für die elektronische Erfassung von Findmitteln entwickelt und entstand bereits 1995 an der University of California, Berkeley. Die aktuelle Version (EAD 2002) des von der Library of Congress herausgegebenen XML-Standards entstand in Zusammenarbeit mit der Society of American Archivists. Darüber hinaus ist für die Beschreibung von archivischen Findmitteln auch das Standard-Austauschformat" (SAFT oder SAFT-XML) zu nennen, das zwischen 2001 und 2004 im Rahmen des DFG-Projektes "Entwicklung von Werkzeugen zur Retrokonversion archivischer Findmittel" an der Archivschule Marburg entwickelt wurde.4

3.5 Judaistik und Hebraistik


1 Das Fach Geschichtswissenschaft durchlief nach Ende des Zweiten Weltkrieges einen Wandlungsprozess, so dass sich eine Vielzahl von Sub- und Teildisziplinen entwickelten, zu denen beispielsweise die Medizingeschichte, Technikgeschichte und Mediengeschichte zählen – diese Aufzählung könnte beliebig erweitert werden –, aber auch Teildisziplinen, die sich stark der Methoden und Forschungsverfahren der Sozialwissenschaften bedienen.

2 Für eine detaillierte exemplarische Aufstellung siehe Abschnitt 7.3 Zusammenstellung geisteswissenschaftlicher Quellentypen.

3 Auf Code-Beispiele wird an dieser Stelle verzichtet, da dies innerhalb des Reports an mehreren Stellen ausführlich geschieht und keine strukturellen, sondern nur graduelle Unterschiede hierzu festzustellen wären.

4 Die Saft-XML tag library findet sich unter: https://internet.archivschule.uni-marburg.de/SAFT/doku.php.

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