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  • Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP)
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260 Ziel, Interesse oder Aufgabe

Die Ziele der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) wurden maßgeblich von der "deutschen Frage" und den damit verbundenen politischen Prozessen der 1950er-Jahre geprägt. Als einer der Gründungsimpulse muss die strikte Ablehnung der deutschen Wiederbewaffnung festgehalten werden. In ihrem politischen Handeln folgte sie dem Konzept eines bedingten Neutralismus, der zum einen die außenpolitische Neutralität der Bundesrepublik Deutschland einforderte und zum anderen auf eine Wiedervereinigung mit der DDR ohne sonstige vorherige Bedingungen oder Einschränkungen bestand. (vgl. Heimann 1984) Im parteipolitischen Raum verortete sich die Partei als dritte Kraft zwischen der CDU/CSU und der SPD, die ihre Politik unter der Maßgabe weltanschaulicher Toleranz gestalten wollte. (vgl. Müller 1990: 255 ff.) 

4208 Geschichtliche Stationen und Daten

  • 29./30.11.1952: Gründungsparteitag in Frankfurt am Main
  • 06.09.1953: Teilnahme an der Wahl des 2. Deutschen Bundestages (1% der Erst- und 1,2 % der Zweitstimmen)
  • 1955: Mitwirkung an der sogenannten "Paulskirchenbewegung" gegen die militärische Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland
  • 14.03.1956: Teilnahme an der Wahl des Landtags Baden-Württemberg (1,5% der Stimmen) 
  • 18./19.05.1957: Auflösungsparteitag in Essen

Die Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP) gründete sich als „Nachfolge-Partei“ der Notgemeinschaft für den Frieden Europas (NG). Die NG war eine Sammelbewegung aus unterschiedlichen politischen Strömungen und Bewegungen, die jedoch alle das Ziel verfolgten, die Wiederbewaffnung Deutschlands zu verhindern. (vgl. Müller 1990: 233) Sie scheiterte jedoch mit ihrem Versuch durch Einfluss auf die bereits etablierten Parteien (CDU/CSU, SPD und FDP) und die politischen Institutionen (bspw. im Deutschen Bundestag durch eine Petition), ihr Anliegen politisch durchzusetzen. Dieses politische Scheitern der NG gilt als der Hauptgründungsgrund der GVP, da sich die schon vorher in der NG organisierten Mitglieder über die Etablierung einer eigenen Partei erhofften, einen größeren Einfluss auf die Politik zu gewinnen. (vgl. Heimann 1984: 1481-83, Müller 1990: 222) Die Arbeit der NG und das Entstehen der GVP haben jedoch auch zu Anpassung in den etablierten Parteien geführt. So war diese einer der Gründe für die Etablierung des Evangelischen Arbeitskreises in den Unionsparteien. (vgl. Müller 1990: 263)

Die Notwendigkeit einer Parteigründung war in der NG jedoch kein Konsens. So sprach sich Gustav Heinemann anfangs gegen die Gründung einer Partei aus. Er konnte dann aber von Adolf Scheu, der eine der treibenden Kräfte hinter der Parteigründung war, sowie anderen überzeugt werden. (vgl. Müller 1990: 232 f.)

Bei der Gründung der GVP entschied man sich gegen einen Vorstand (da man nicht als „Partei Heinemanns“ gesehen werden wollte). Es wurde jedoch ein Präsidium etabliert, dem Gustav Heinemann, Helene Wessel, Adolf Scheu sowie Robert Scholl angehörten. 1955 wurde zusätzlich Diether Posser Mitglied des Präsidiums. (vgl. Heimann 1981: 1491, 1496) Die Bundesgeschäftsstelle des GVP war in Essen. Generalsekretär der Bundesgeschäftsstelle war Hans Bodensteiner.

In der Führungsebene der GVP dominierten Protestanten, was teilweise auch zur Wahrnehmung der GVP als „protestantische Partei“ beitrug. (vgl. Heimann 1981: 1491)

Die GVP war jedoch finanziell eher schwach aufgestellt, weshalb u.a. die parteieigene wöchentliche Zeitung nach kurzer Zeit bereits wieder eingestellt werden musste.

Ortsvereine der GVP bildeten sich fast ausschließlich nur in Orten, in denen bereits Arbeitsgruppen der NG vorhanden waren und hatten sehr geringe Mitgliederzahlen. Somit konzentrierten sich die Ortsvereine der GVP vor allem auf Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg. (vgl. Heimann 1981: 1499) Generell hatte die GVP eher geringe Mitgliederzahlen. Die Zahl der Parteimitglieder zum Zeitpunkt der Auflösung wird ungefähr auf 1000 geschätzt.

Bei der Bundestagswahl 1953 ging die GVP Wahlbündnisse mit dem Bund der Deutschen (BdD) ein, was zu Parteiaustritten führte und stellte in 232 von 242 Wahlkreisen Kandidaten auf. Der elektorale Erfolg der GVP blieb jedoch aus. So kam die Partei auf einen Anteil von 1% der Erststimmen und 1,2% der Zweitstimmen. (vgl. Heimann 1981: 1493 ff.) Die größten Erfolge bei Wahlen hatte die GVP bei Kommunalwahlen im Jahre 1956. Man kann der GVP somit kaum elektorale Bedeutung zumessen.

Bis 1957 näherte sich die GVP immer stärker sowohl inhaltlich als auch persönlich an die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) an. Die Nähe zur SPD wurde besonders in der gemeinsamen Arbeit 1955 in der „Paulskirchenbewegung“ gegen die Aufrüstung deutlich. Der letzte Parteitag der GVP am 18./19.05.1957 in Essen endete mit der Empfehlung an die Mitglieder, zur SPD überzutreten. Der Übergang der GVP-Mitglieder zur SPD übertrug auch die deutschlandpolitischen Vorstellung der GVP mit in die parteiinterne Debatte der SPD und änderte die deutschlandpolitischen Ansätze der Partei. Zudem öffnete dieser Prozess für die SPD neue Zugänge zu bürgerlichen und vor allem protestantischen Kreisen. (vgl. Heimann 1981: 1487, 1506 f.)

Netzwerk

500 Heinemann, Gustav W. / ehemals CDU (praktisch: Vorsitzender des Präsidiums)

500 Eppler, Erhard (Mitglied)

500 Posser, Diether (Präsidium)

500 Rau, Johannes (Mitglied)

500 Schmude, Jürgen (Mitglied)

500 Wessel, Helene / ehemals Zentrum (Präsidium)

500 Bodensteiner, Hans / ehemals CSU (Generalsekretär)

500 Hilberath, Leo 

500 Arnold, Thea / ehemals Zentrum

500 Noack, Ulrich

500 Siegmund-Schulze, Friedrich

500 Erler, Fritz (Wichtige Verbindungsstelle bei der SPD)

500 Etzel, Hermann / ehemals Bayern Partei

500 Reinecke, Werner / ehemals SPD, MdL

500 Scheu, Adolf (Präsidium)

500 Mochalski, Herbert / Studentenpfarrer (Unterstützer)

Publikationen

Eigene Publikationen

692 Gesamtdeutsche Rundschau, 01.1953-07.1959

692 GVP-Nachrichten, 01.1953

Archivbestände

670 Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) 

Veröffentlichungen über die Institution

730 Eppler, Erhard: Die GVP als Kaderschmiede der SPD: Betrachtungen über Johannes Rau und die Gesamtdeutsche Volkspartei, in: Mittag, Jürgen (Hg.): Versöhnen statt spalten, Oberhausen 2007, S. 69-80.

730 Posser, Diether: Gustav Heinemanns Gesamtdeutsche Volkspartei, in: Neue Gesellschaft, Frankfurter Hefte, 45 (1998), S. 1101-1105.

730 Müller, Josef: Die Gesamtdeutsche Volkspartei: Entstehung und Politik unter dem Primat nationaler Wiedervereinigung, Düsseldorf 1990.

730 Vorländer, Herwart: Oral-History Projekt Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP). Ein Bericht, in: Vorländer, Herwart (Hg.): Oral History: mündlich erfragte Geschichte: acht Beiträge, S. 83-105, Göttingen 1990.

730 Heimann, Siegfried: Die Gesamtdeutsche Volkspartei, in: Stöss, Richard (Hg.) (1984): Parteien-Handbuch. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980: FDP – WAV, Opladen 1984.

730 Jobke, Babara: Aufstieg und Verfall einer wertorientierten Bewegung: dargestellt am Beispiel der Gesamtdeutschen Volkspartei, Tübingen 1974. 

730 Molt, Peter: Die neutralistische Opposition. Bedingungen und Voraussetzungen der neutralistischen Opposition in der Bundesrepublik Deutschland, vor allem der Gesamtdeutschen Volkspartei 1949-1954, Heidelberg 1955.