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  • Der Protestantismus und die Fragen nach gesellschaftlicher Integration und nationaler Identität
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Migration und Integration stellten für die Bundesrepublik seit ihrer Gründung eine politische und soziale Herausforderung dar und bargen zugleich Potential für wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen. Die Aufnahme erfolgte in einer Gesellschaft, die zwischen Kriegsende und Wiedervereinigung fundamentale Wandlungen durchlief und auf der Suche nach dem eigenen Selbstverständnis war. Für den westdeutschen Protestantismus bedeuteten die Zuwanderungen Anlass zu humanitär-diakonischem Engagement, aber auch zu sozialethischer Stellung- und Einflussnahme. In den protestantischen Beiträgen zu den Debatten um Migration und Integration wurden - je nach Migrantengruppe und Zuwanderungszeitpunkt - durchaus unterschiedliche ethische und politische Themen explizit und implizit verhandelt. Ebenso variierten die protestantischen Debattenakteure und die von ihnen gewählten Aktions- und Sozialformen.

In der ersten Förderphase standen die konfliktualen Integrationsdebatten nach einer erzwungenen Massenmigration in den gleichen Nationalverband im Focus: Analysiert wurden protestantische Vorstellungen von der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Integration der Ostvertriebenen in die westdeutsche Gesellschaft. Dabei wurden die Integrationsdebatten der fünfziger und sechziger Jahre auch als gesellschaftliche Selbstverständigungsdiskurse interpretiert, in denen Modernisierungs- und Transformationsprozesse diskursiv verarbeitet wurden.

In der zweiten Förderphase stehen Debatten über eine fortlaufende Zuwanderung von Migranten unterschiedlichster Herkunftsgebiete und deren individuelle Motive im Mittelpunkt. Damit verlagert sich der Akzent auf die jeweilige Aufnahmesituation und die Aufnahmeverfahren sowie auf die bundesdeutsche Aufnahmebereitschaft im Spannungsfeld von nationalen Interessen und humanitärer Solidarität.

Dieses Teilprojekt wird betreut von Prof. Dr. Claudia Lepp

Der Protestantismus in den Debatten um die Aufnahme und Anerkennung von politischen Flüchtlingen

Das Projekt wird bearbeitet von Jonathan Spanos

Die Aufnahme und Anerkennung von politischen Flüchtlingen waren immer wiederkehrende Streitthemen der westdeutschen Gesellschaft und Politik. Das dem Begriff der politischen Verfolgung zugrundeliegende Verständnis des Politischen wurde vom Grundgesetz nicht weiter definiert und somit zum Gegenstand anhaltender Kontroversen.

Unter der Leitperspektive des Teilprojekts, welches die Debatten um Migration und Integration auch als Aushandlungsprozesse über das Selbstverständnis der bundesrepublikanischen Gesellschaft begreift, untersucht das Unterprojekt die Beteiligung protestantischer Akteure an den Debatten um die Aufnahme und Anerkennung von politischen Flüchtlingen vom Kriegsende bis zur Wiedervereinigung. Ausgehend von den Kontroversen um die Zuwanderung von SBZ/DDR-Flüchtlingen in der Besatzungszeit und frühen Bundesrepublik wird die Entwicklung protestantischer Debattenbeiträge beschrieben und analysiert. Der zeitliche Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf den 1970er und 1980er Jahren und den durch den Strukturwandel der Fluchtmigration bedingten Veränderungen protestantischer Argumentation innerhalb der Flüchtlings- und Asyldebatten.

Die Untersuchung folgt dabei verschiedenen Leitfragen und Themenschwerpunkten. Zum einen ist die Bewertung von Fluchtmotiven, zum anderen die Konstruktion und Dekonstruktion von Flüchtlingsbildern in protestantischen Debattenbeiträgen von Interesse. Besonderes Augenmerk liegt auf der Argumentation mit Menschenwürde und Menschenrechten sowie dem Verhältnis religiöser und säkularer Argumentationsformen. Auch ist anhand der Legitimierung kirchlicher und diakonischer Debatteninterventionen nach dem Selbstverständnis des Protestantismus und seinem Agieren im demokratischen Rechtsstaat zu fragen. Hierbei wird im engen Austausch mit den theologischen und rechtswissenschaftlichen Teilprojekten zum Menschenwürdebegriff und dem politikwissenschaftlichen Teilprojekt zur Interaktion des Protestantismus in den sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen gearbeitet.
Ziel ist die Erarbeitung einer Gesamtdarstellung protestantischer Einflussnahme und Debattenbeiträge sowie die Bestimmung des Anteils protestantischer Akteure an den Debatten der bundesdeutschen Aufnahmegesellschaft um Flüchtlingsmigration.

Der Protestantismus in den Debatten über die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen in die westdeutsche Gesellschaft (1945-1972) (abgeschlossen)

Das Projekt wurde bearbeitet von Felix Teuchert

Integration der Ostvertriebenen stellte die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft vor immense Herausforderungen und rief ein großes Konfliktpotential hervor. Unter der Leitperspektive „Der Protestantismus und die Fragen nach gesellschaftlicher Integration und nationaler Identität“ beschäftigt sich das Teilprojekt mit Wahrnehmung und Deutung des gesellschaftlichen Integrations- und damit Transformationsprozesses innerhalb des Protestantismus sowie mit Rolle und Einfluss des Protestantismus auf die öffentlich ausgetragenen Debatten über die Eingliederung von Flüchtlingen und Vertriebenen.

Drei Leitfragen stehen dabei im Zentrum der Untersuchung:

Erstens sind auf der Grundlage der Analyse theologisch-sozialwissenschaftlicher Diskurse die integrationsbezogenen Gesellschaftsanalysen und Gesellschaftsvorstellungen, aber auch die durch den Integrationsprozess aufgeworfene Frage nach dem nationalen Selbstverständnis von besonderem Interesse: Wie wurden die Auswirkungen des Integrationsprozesses auf die Aufnahmegesellschaft eingeschätzt und bewertet, was hielt aus protestantischer Sicht die Gesellschaft zusammen? Wie wurde der Integrationsprozess theologisch gedeutet?

Zweitens stellt sich die Frage nach Rolle und Einfluss des Protestantismus auf die öffentlich ausgetragenen Integrationsdebatten und auf politische Entscheidungen wie der Vertriebenengesetzgebung und dem Lastenausgleichsgesetz. Welche Narrative, welche sozialethischen Konzepte wurden von protestantischer Seite in die öffentlichen Debatten eingespeist? Welche Akteure traten dabei in Erscheinung, welcher Netzwerke bedienten sie sich, wie gestaltete sich das Verhältnis zu den politischen Parteien?

Schließlich soll analysiert werden, inwieweit der seit den 60er Jahren verbreitete Topos des „Integrationswunders“ von protestantischer Seite bestätigt oder infrage gestellt wurde. Dabei soll untersucht werden, warum der integrationsbezogene Teil der Ostdenkschrift der EKD von 1965, der Defizite bei der Integration benennt, im Gegensatz zu den ostpolitischen Aussagen kaum auf öffentliche Resonanz stieß. Warum scheiterte hier das agenda-setting?

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