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In Zusammenarbeit mit der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte hat die DFG-Forschergruppe am 29. und 30. November zu einer interdisziplinären und international besetzten Tagung nach München einladen. Unter dem Titel „Christliche Willkommenskultur? Die Integration von Migranten als Handlungsfeld christlicher Akteure in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Tschechien und der Schweiz die Rolle christlicher Akteurinnen und Akteure im Kontext von Flucht, Asyl und Integration.

 
Die Tagung gliederte sich in drei Sektionen. Zunächst widmeten sich die Vorträge der Integration der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen Deutschlands, Österreich und der Tschechoslowakei. Die zweite Sektion nahm den protestantischen Beitrag zu Fragen der Integration von Arbeitsmigranten ab den 1950er Jahren in den Blick. Die dritte Sektion befasste sich mit der Aufnahme und Integration von ausländischen bzw. politischen Flüchtlingen.
 
Ein Abendvortrag aus Sicht der systematischen Theologie sowie je ein Kommentar eines Zeitzeugen und einer Historikerin ergänzten das Programm. Mit ihrem Blick auf die Motive, Handlungsfelder und strukturellen Rahmenbedingungen der Christinnen und Christen sowie kirchlicher Institutionen leistete die Tagung einen Beitrag zur derzeit äußerst regen multidisziplinären Migrations- und Fluchtforschung.

Ein ausführlicherer Tagungsbericht findet sich auf HSozKult.de.

Mit einem verlängerten Workshop im Studienhaus Schönwag hat die Forschergruppe im Oktober offiziell die Abschlussphase des Projekts eingeläutet. Wie sich sowohl in Diskussionen im Plenum als auch in Kleingruppen zeigte, verlangt das letzte Drittel der zweiten Förderphase nicht nur großen persönlichen Einsatz, sondern eine noch stärkere Vernetzung der Disziplinen.

Durch eine „fachfremde“ Perspektive gelang es auf dem Workshop immer wieder, eigene Schwachstellen zu entdecken oder Lösungen für Probleme zu finden. Besonders deutlich wurde dies anhand der konkreten Textarbeit, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in interdisziplinären Gruppen aus drei bis vier Personen durchführten. In detaillierter Kritik gingen Theologinnen und Theologen, Juristen, Politikwissenschaftler sowie Historikerinnen und Historiker auf die etwa 50 Seiten langen Teilkapitel ihrer Kolleginnen und Kollegen ein. Das Studienhaus Schönwag bot mit seinen vielfältigen Rückzugsmöglichkeiten genügend Raum, um sich etwa einen Tag lang nur mit der detaillierten Textarbeit zu befassen.

Die intensive Beschäftigung mit einem der anderen Projekte hatte sich auch im Plenum bewährt. Neben der eigenen Projektvorstellung oblag es jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter, sich in Vorbereitung auf den Workshop intensiver mit der Arbeit eines Kollegen bzw. einer Kollegin auseinanderzusetzen und einen Impuls mit offenen Fragen, Hinweisen und Kritik in die Runde zu geben. Das Format wurde als so erfolgreich betrachtet, dass auch auf den kommenden Workshops in Schönwag darauf zurückgegriffen werden soll.


Christliche Willkommenskultur? Die Integration von Migranten als Handlungsfeld christlicher Akteure in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Tagung am 29. und 30. November 2018 in München

Veranstaltet von der DFG-Forschergruppe "Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik" und der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte

Zuwanderungen stellten für die Bundesrepublik und andere europäische Länder eine politische und soziale Herausforderung dar und bargen zugleich Potential für wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen. Die langwierigen Integrationsprozesse erfolgten in Gesellschaften, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fundamentale Modernisierungs- und Transformationsprozesse durchliefen, die auch das religiöse Feld betrafen.

Für die christlichen Konfessionen in den Aufnahmegesellschaften gaben die Zuwanderungen Anlass zu humanitärem Engagement, aber auch zu sozialethischer Stellung-­ und Einflussnahme in den gesellschaftlichen und politischen Aushandlungsprozessen um Teilhabe und Zugehörigkeit von verschiedenen Migrantengruppen. Bei Zuwanderern der eigenen Konfession stellte sich für die Kirchen zugleich die Aufgabe, diese religiös und kirchlich zu integrieren.

Auf der Tagung sollen Art und Motive des Beitrags christlicher Akteure, Akteursgruppen und Institutionen zur Integration von Migranten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konfessions- und länderübergreifend untersucht werden.



Programm

Donnerstag, 29. November 2018, 13.00 - 18.00 Uhr

Einführung: Claudia Lepp

Sektion 1: Die Integration der Vertriebenen

Moderation: Harry Oelke

Felix Teuchert: Der westdeutsche Protestantismus und die Integration der Vertriebenen nach 1945

Markus Stadtrecher: Die Rolle katholischer Netzwerke bei der Integration der Vertriebenen am Beispiel des Bistums Augsburg

Rudolf Leeb: Die Aufnahme der Vertriebenen als Herausforderung und Chance für die evangelische Kirche in Österreich

Romana Fojtová: The involvement of the Evangelical Church in the integration of the Volyn-Czechs and Zelow-Czechs in Czechoslovakia after 1945

Kaffeepause


Sektion 2: Die Integration von Arbeitsmigranten

Moderation: Veronika Albrecht-Birkner

Claudia Lepp: „Gastarbeiter werden Bürger“. Der Beitrag des Protestantismus zu Fragen der Integration von Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik Deutschland

Uwe Kaminsky: Die seelsorgerliche Betreuung der griechischen Arbeitsmigranten ─ Impuls oder Hemmnis im Integrationsprozess?

Norbert Friedrich: Der Traum vom ‚besseren Leben‘. Koreanische Krankenschwestern in evangelischen Krankenhäusern in Deutschland

Imbiss

Abendvortrag am 29. November 2018, 19.30 Uhr

Arnulf von Scheliha: „Der Flüchtling ist […] eine Gabe Gottes an seine Kirche“ – Migration und Integration als Thema der protestantischen Sozialethik in Deutschland

Freitag, 30. November 2018, 9.00 - 13.30 Uhr

Sektion 2: Die Integration von Arbeitsmigranten

Moderation: Veronika Albrecht-Birkner

David Rüschenschmidt: Der christlich-islamische Dialog während der 1970er und 1980er Jahre in Nordrhein-Westfalen

Sektion 3: Die Aufnahme und Integration von ausländischen Flüchtlingen

Moderation: Gisa Bauer

Jonathan Spanos: Der westdeutsche Protestantismus in den Debatten um die Aufnahme und Anerkennung von politischen Flüchtlingen

Daniel Lenski: Helmut Frenz und die Aufnahme von chilenischen Flüchtlingen in Deutschland

Kaffeepause

Jonathan Pärli: Die ganze Welt zu Tisch. Christlicher Asylaktivismus in der Schweiz und den USA während der 1980er-Jahre

Schlussdiskussion

Moderation: Jonathan Spanos / Claudia Lepp

      Kommentar aus Sicht des Zeitzeugen: Jürgen Micksch

      Kommentar aus Sicht der Historikerin: Christiane Kuller


Die ruhigeren Tage der Semesterferien haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DFG-Forschergruppe in diesem Jahr nicht nur für intensive Schreibphasen, sondern auch zur Weiterbildung genutzt. Im Gästehaus der Universität Erfurt erlernten und erprobten sie unter Anleitung der Dozentinnen Alexandra Busch und Dr. Mareike Menne Strategien zur akademischen Selbstpräsentation in wissenschaftlichen Vortrags- und Diskussionssituationen.

Das zweitägige Seminar gliederte sich in inhaltliche Impulse, eine praktische Übung und ein persönliches Coaching. Unter anderem besprachen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Erfahrungen mit Machstrukturen im Hochschulkontext, den Umgang mit der eigenen Rolle und Funktion sowie Fragen rund um die Themen Gender und Diversity. Impulse der Dozentinnen wechselten sich dabei mit Selbstreflexionsphasen ab.

Neben der Besprechung grundsätzlicher Aspekte gaben Alexandra Busch und Dr. Mareike Menne den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern konkrete Empfehlungen für den Aufbau, die sprachliche Gestaltung und die Präsentation eines Vortrages an die Hand. Diese konnten in einem zweiten Schritt vor Ort erprobt werden; im Plenum erhielten die Vortragenden Feedback von Kolleginnen und Kollegen und den beiden Dozentinnen.

Am Ende des Seminars erhielten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Forschergruppe die Möglichkeit, sich im persönlichen Gespräch und vertraulich über Probleme im Hochschulkontext sowie eigene Stärken und Schwächen auszutauschen. Außerdem boten die Dozentinnen eine Beratung zum weiteren akademischen Werdegang an.

Auf ihrem achten Workshop im Studienhaus Schönwag stellte sich die Forschergruppe dem übergreifenden Thema Individualität, das insbesondere in den ethischen Debatten der 1970er und 1980er Jahre in der Bundesrepublik Relevanz erlangte. Unter dem Titel „Hochschätzung der Individualität – Angst vor dem Individuum?“ wurde die Frage behandelt, wie sich der bundesdeutsche Protestantismus zur fortschreitenden Individualisierung der Gesellschaft verhielt und welche Konsequenzen sich aus den veränderten Rahmenbedingungen für den Umgang mit bzw. die Erwartungen an das einzelne Individuum ergaben.

Als Zugang wurde die Auseinandersetzung mit Quellen gewählt, die die Mitarbeitenden aus ihren eigenen Forschungsprojekten zur Verfügung stellten. Dabei handelte es sich unter anderem um historische Zeitschriftenartikel, offizielle Stellungnahmen, öffentliche Reden und den Entwurf für einen Gottesdienst. Die vielfältige Auswahl wurde anhand inhaltlicher Kriterien vorstrukturiert und zunächst in den bewährten Kleingruppen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Unterstützung der Projektleitenden besprochen.

Im anschließenden Plenum wurde der Versuch unternommen, aus den sehr diversen und auf einen jeweiligen Einzelfall bezogenen Quellen, die aus einem Zeitraum von 1951 bis 1989 stammten, übergeordnete Erkenntnisse über das Verhältnis des Protestantismus zur Individualisierung der Gesellschaft zu identifizieren. Dabei wurde deutlich, dass eine fortschreitende Individualität als Zustand zwar anerkannt, doch das Individuum selbst im Zweifel eher als Ausgangspunkt eines Problems gesehen wurde. Eine „Lösung“ schien dem Protestantismus in den vorgelegten Texten zu sein, das Individuum als Subjekt ethischer Forderungen in den Blick zu nehmen. Dahinter stand die weit verbreitete Annahme, dass das Individuum durch Bildungsprozesse in der Lage ist, einsichtig zu sein und „vernünftige“ Entscheidungen zu treffen.

Zum Abschluss des Workshops waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgefordert, die Erkenntnisse der Diskussion über Individualität auf ihre eigenen Forschungsprojekte zurückzubinden. Dabei ergaben sich viele Überscheidungspunkte, auch zwischen den Disziplinen.

Auf ihrem jüngsten Workshop Ende Januar 2018 im Studienhaus Schönwag hat sich die Forschergruppe mit der Ausarbeitung eines zweiten Sammelbandes befasst. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellten Ideen und Skizzen für ihre Aufsätze sowie erste Leseproben vor. Ein Ziel war, verbindende Elemente in den Texten zu erkennen und übergeordnete Linien genauer herauszuarbeiten.

In Kleingruppen und im Plenum wurden inhaltliche Schlüsselaspekte aufgegriffen und weiterentwickelt. Als besonders intensiv stellte sich dabei der Austausch zwischen den verschiedenen Fachrichtungen innerhalb der interdisziplinären Forschergruppe heraus. In dem Band werden sowohl theologische, als auch juristische sowie politik- und geschichtswissenschaftliche Ansätze vertreten sein.

Inhaltlich soll sich der zweite Sammelband mit dem bundesdeutschen Protestantismus und „dem Politischen“ befassen. Da sich der Erarbeitungs- und Redaktionsprozess noch in der Anfangsphase befindet, können an dieser Stelle keine weiterführenden Angaben dazu gemacht werden. Empfohlen sei aber ein Blick auf den früheren Sammelband der Forschergruppe, der im Rahmen der ersten Förderphase entstanden und 2015 beim Verlag Mohr Siebeck erschienen ist:

Christian Albrecht und Reiner Anselm (Hg.): Teilnehmende Zeitgenossenschaft. Studien zum Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989, Tübingen 2015.

ISBN: 978-3-16-153630-4, 416 Seiten, 59 Euro.

https://www.mohr.de/buch/teilnehmende-zeitgenossenschaft-9783161536304


Der Austausch mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ersten Förderphase stand im Mittelpunkt des 6. Workshops der FOR 1765 im Studienhaus Schönwag in Oberbayern. Ein Jahr, nachdem die Doktorandinnen und Doktoranden der ersten Förderphase (2013-2016) den „Staffelstab“ an ihre Nachfolger übergeben hatten, wurde über das gemeinsame Projekt diskutiert. Im Gespräch in Kleingruppen zeigten sich wichtige Anknüpfungspunkte und Kontinuitäten, aber auch Brüche und neue Aspekte im Protestantismus der alten Bundesrepublik.

Während die erste Förderphase maßgeblich die 1950er und 1960er Jahre in den Blick genommen hatte, widmen sich die jetzigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern überwiegend den 1970er und 1980er Jahren. Tiefgreifende gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen sowie ein Generationenwechsel in den eigenen Reihen sind nur einige wenige Aspekte, mit denen sich die evangelischen Zeitgenossen auseinandersetzen mussten.

Im DFG-Projekt „Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989“ nähern sich 14 Projekte aus ganz unterschiedlichen Perspektiven der Thematik. Eine Stärke ist dabei die Interdisziplinarität, wie sich erneut auf dem 6. Workshop in Schönwag zeigte. Juristen, Politikwissenschaftler, Historikerinnen und Historiker so-wie evangelische Theologinnen und Theologen setzten sich auf dem 6. Workshop der Forschergruppe jeweils aus Sicht ihrer Disziplin mit den Projekten auseinander. Ein Jahr nach Beginn der zweiten Phase konnten die Einzelarbeiten so aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und gleichzeitig in den Gesamtzusammenhang des Projekts eingebettet werden.

Ein Jahr nach Beginn der zweiten Förderphase hat die Forschergruppe 1765 am 15. und 16. September neue Erkenntnisse aus ihrer Arbeit auf einer Tagung im niedersächsischen Loccum präsentiert. Die von der dortigen Evangelischen Akademie in Kooperation mit der FEST in Heidelberg sowie der Forschergruppe ausgerichteten Tagung beleuchtete unter dem Titel „Experten, Propheten oder Lobbyisten?“ die Rolle von Kirchenvertretern in politikberatenden Gremien. In drei Fallstudien legten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des interdisziplinären DFG-Projekts dar, wie Kirchen auf die Politikfelder Umwelt, Migration und Frieden Einfluss genommen haben. Anne Friederike Hoffmann (Theologin), Philip Smets (Politikwissenschaftler) und Jonathan Spanos (Historiker) stellten ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Diskussion. Prof. Dr. Reiner Anselm, stellvertretender Sprecher der FOR 1765 und Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie und Ethik an der LMU München, hielt zudem einen Vortrag zu den Aufgaben eines „Öffentlichen Protestantismus“.

Eröffnet wurde die Tagung zunächst mit einem aktuellen Blick auf den Einfluss kirchlicher Akteure in der „Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe“, die im Sommer 2016 ihren Abschlussbericht vorgelegt hatte. Unter anderem wurde die Rolle von Ralf Meister, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche von Hannover, erörtert. Der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne), die Geschäftsführerin der Bundesgesellschaft für Endlagerung, Ursula Heinen-Esser und der Journalist Jürgen Voges gaben dazu ihre Einschätzungen ab. Dabei wurde dem evangelischen Landesbischof Meister insbesondere eine geschätzte Vermittlerposition im Rahmen der Kommissionssitzungen zugeschrieben.

Anschließend brachten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Forschergruppe mit drei Fallstudien ein. Anne Friederike Hoffmann von der LMU München betrachtete in ihrem Vortrag die Entstehung und die Rolle der kirchlichen Umweltbeauftragten in den 1970er und 1980er Jahren. Sie stellte eine starke Popularisierung umweltpolitischer Fragen fest, auf die von Seiten der Landeskirchen und der EKD seit 1973 sukzessive mit einer Institutionalisierung von Schöpfungsverantwortung (Kurt Oeser) durch die Bereitstellung von Umweltbeauftragten und die Gründung der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten (AGU) 1982 reagiert wurde. Anhand dreier Schriften untersuchte Hoffmann das nicht immer konfliktarme Verhältnis der Umweltbeauftragten zur EKD und die Präsenz der Umweltbeauftragten in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Ihre Rolle wurde in einem vielgestaltigen Spektrum zwischen Positionierung, Kritik, Opposition, Vermittlung und Gestaltung verordnet. Hoffmann führte aus, dass die Umweltbeauftragter als „Platzhalter“ für das Thema Umweltschutz angesehen werden können. Außerdem zeichnete sie die „Ethisierung“ eines ehemals dogmatischen Topos, nämlich der Schöpfungslehre, nach. Diese „Ethisiserung“ führte Hoffmann zufolge konsequenterweise auch dazu, dass die Kirchen das Thema Umweltschutz aufgenommen, institutionalisiert und mit dauerhaften Ansprechpartnern versehen haben.

Jonathan Spanos, Historiker an der LMU München, hielt daran anschließend einen Vortrag über den Flüchtlingsbeirat der EKD und das Bundesvertriebenenministerium in der Auseinandersetzung um die Anerkennung von DDR-Flüchtlingen in der BRD vor 1961. Aufnahme und Anerkennung dieser Flüchtlingsgruppe wurden in den 1950er Jahren kontrovers diskutiert. Im Rahmen dieser Diskussion nahm, so Spanos, der Flüchtlingsbeirat der EKD eine advokatorische Rolle ein und verstand sich als Fürsprecher für eine marginalisierte Minderheit gegenüber der staatlichen Bürokratie und Politik. So avancierte der Bei-rat zum harten Kritiker staatlicher Praxis, wobei theologische Argumente in der Debatte in den Hintergrund traten, um Raum für säkulare, juristisch-politische Begründungsmuster zu geben, durch die man sich mehr Durchsetzungsvermögen erhoffte.

Der Göttinger Politikwissenschaftler Philip Smets beschloss den Fallstudienblock mit einem Vortrag über Klaus von Schubert und das Konzept der gemeinsamen Sicherheit in der sicherheitspolitischen Strategiediskussion innerhalb der SPD in den 1980er Jahren. Die Frage, auf welche Weise der neue Ansatz der gemeinsamen Sicherheit seinen Weg in die Politik fand und welche Rolle dabei die Person Klaus von Schubert spielte, standen im Fokus seiner Überlegungen. Smets zeichnete ein sehr vielschichtiges Bild von Klaus von Schubert als einer protestantischen Persönlichkeit, die neben der persönlichen Glaubens-gewissheit auch die Aspekte profunder militärischer Erfahrung, wissenschaftlicher Expertise und einer sozialdemokratischen Überzeugung in sich vereinte, all diese Aspekte mit-hin in seine politische Arbeit, etwa in der sicherheitspolitischen Kommission der SPD, integrierte. Der Referent konstatierte, dass, obgleich Schubert nicht mit einem kirchlichen Amt ausgestattet war, seine christliche Überzeugung dennoch – beispielsweise im Engagement in der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD – deutlich sein politisches Agieren prägte. Smets ordnete Schubert daher dem Modell des „Öffentlichen Protestantismus“ von Prof. Dr. Reiner Anselm und Prof. Dr. Christian Albrecht zu, da Schubert sowohl in der persönlichen Grundüberzeugung als auch in der aktiven Teilnahme an kirchlichen Diskussionen seine Ausrichtung auf und seinen Einsatz für das Gemeinwohl zum Ausdruck brachte.

Das Konzept des „Öffentlichen Protestantismus“ (nachzulesen in: Anselm/Albrecht: Öffentlicher Protestantismus. Zur aktuellen Debatte um gesellschaftliche Präsenz und politische Aufgaben des evangelischen Christentums, Zürich 2017) stellte Prof. Dr. Reiner Anselm auf der Loccumer Tagung erneut vor. Er betonte in seinem Vortrag drei Kriterien für die öffentliche Präsenz und Teilhabe von protestantischen Akteuren in gesellschaftlichen Debatten: Die Anerkennung der Weltlichkeit der Welt, die Freiheit in Gemeinschaft und die Ausrichtung auf die Zukunftsfähigkeit menschlichen Lebens. Hierbei sei unter dem Paradigma der Versöhnung zu bedenken, dass Unterschiedlichkeit und Vielfalt Kernbestandteile des Protestantischen sind und daher eine Konsensfähigkeit viel weniger erstrebenswert sei, als die Kompromissorientierung kirchlicher Binnendiskurse. Diese theologische Grundannahme relativiere auch den Veränderungsdruck, kirchliche Tendenzen zu einem Dauermodus der Kritik und eine Grammatik des Aktivismus.

Im Anschluss an alle Vorträge blieb an der Evangelischen Akademie Loccum viel Raum für Diskussionen und Beiträge. In der Abschlussdiskussion, eingeleitet durch eine Zusammenfassung von Dr. Thorsten Moos, diskutierte das Plenum insbesondere die unterschiedlichen Aufgaben, Rollen und Zuschreibungen kirchlicher Akteure, die während der Tagung umrissen worden waren. Deutlich wurde, dass die situative und individuelle Verschiedenheit der Rollenmuster groß ist und dass gerade dieser Sachverhalt die kirchliche Mitwirkung in politikberatenden Gremien bereichert sowie unterschiedlichste Aufgaben und Funktionen ermöglicht. Dass protestantisches Agieren auf persönlich-individueller, kirchlichinstitutioneller und gesellschaftlich-politischer Ebene unterschiedlichen Erfordernissen und Erwartungen unterliegt, führt zu der Einsicht, dass die Rollen kirchlicher Vertreter in der Dynamik politischer und gesellschaftlicher Veränderungen immer neu ausgehandelt, hinterfragt und reflektiert werden sollten.

Link zum Bericht im Deutschlandfunk vom 19.09.2017http://www.deutschlandfunk.de/kirchliche-lobbyarbeit-einfluss-in-gottes-namen.886.de.html?dram:article_id=396153

In "Christ und Welt" ist ein Beitrag von Herrn Prof. Dr. C. Albrecht und Herrn Prof. Dr. R. Anselm zur Rolle des Protestantismus in der Öffentlichkeit erschienen. Einzusehen ist dieser online oder in der Printausgabe: Christian Albrecht / Reiner Anselm: Protestantismus. Mischt mit!, in: Christ & Welt vom 29.06.2017 (Nr 27), S. 2.

Zum „Tag der Forschung“ an der Universität Erfurt hat die Forschergruppe zum Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland ihr Projekt vorgestellt. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende verschiedenster Fachrichtungen informierten sich am 8. Juni auf der 2. Erfurter „Science Fair“ über die Arbeit der Forschergruppe. Auf einem eigens für diese Präsentation angefertigten Plakat wurden das Forschungskonzept und die wichtigsten Eckdaten komprimiert aufgeführt. Dabei wurde unter anderem auf die Datenbank zu wichtigen individuellen und überindividuellen Akteuren aufmerksam gemacht, die von der Forschergruppe erarbeitet wurde und für die Öffentlichkeit online abrufbar ist.

Prof. Dr. Christiane Kuller, die in Erfurt die Professur für Neuere und Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik innehat, stand mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für Gespräche mit interessierten Besucherinnen und Besuchern zur Verfügung. Das Erfurter Teilprojekt beschäftigt sich innerhalb der interdisziplinären Forschergruppe mit dem Protestantismus und den Debatten um den bundesdeutschen Sozialstaat aus historischer Sicht.

Auf einem internen Workshop im Studienhaus Schönwag hat sich die Forschergruppe vom 15. Bis 17. Mai eingehend mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in den 1970er und 1980er Jahren beschäftigt. Die Arbeit des ÖRK zu Themen wie Frieden, Gerechtigkeit oder die Bewahrung der Schöpfung fand großen Widerhall im bundesdeutschen Protestantismus. Ein Einfluss der weltweiten ökumenischen Bewegung auf Deutschland zeigte sich aber auch pointiert in persönlicher Spiritualität und neuen liturgischen Impulsen, ebenso wie in gelebter internationaler Partnerschaft und einer verstärkten individuellen Partizipation.

Genauer beleuchtet wurden auf dem Workshop die Entwicklung des ÖRK, das Anti-Rassismus-Programm des ÖRK, die Theologie der Revolution und der Konziliare Prozess. Dabei wurden vor allem die Verbindungen mit den einzelnen Teilprojekten der Forschergruppe herausgearbeitet. Nicht nur inhaltliche, auch personelle und strukturelle Verflechtungen ließen sich dabei feststellen. Besondere Bedeutung hatte der ÖRK als ein weltweites ökumenisches Netzwerk unter anderem für die Veränderungen in protestantischen Kommunikations- und Argumentationsformen und als Ort des Austausches von protestantischen Akteuren in Ost- und Westdeutschland.

Zum nächsten großen Workshop werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Projektleitenden im Oktober 2017 zusammenkommen. Im Mittelpunkt werden dabei die kommunikativen Knotenpunkte des bundesdeutschen Protestantismus stehen.

Vortrag von Tim Schedel zum Protestantismus und dem Streit über die Atomenergie

Beim Auftakt der Dialogreihe "Innovation und Verantwortung" am 19. und 20. Februar 2017 in der Evangelischen Akademie Tutzing hat ein Teil der DFG-Forschergruppe 1765 seine neuesten Erkenntnisse zum Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik eingebracht. In der Reihe kommen TechnikwissenschaftlerInnen, PhilosophInnen und TheologInnen zu gesellschaftlich relevanten und technikbezogenen Fragestellungen ins Gespräch. Die Verknüpfung unterschiedlicher Denkstile soll kreative Ansätze für gesellschaftliche Innovationen hervorbringen.

Die Veranstaltung in Tutzing trug den Titel "Not in My Backyard: Bürgersinn in der Energiewende" und beschäftigte sich mit Schwierigkeiten in Zielsetzung, technischer Umsetzung und dem Interessensausgleich in Bezug auf die sogenannte Energiewende. Kurz: Es ging um die Frage, wie Energiepolitik bürgernah und trotzdem nicht chaotisch gestaltet werden kann. Im Zuge dessen gerieten auch das politische Selbstverständnis der Bürger und ihre veränderten Erwartungen an Politikgestaltung in den Blick.

Tim Schedel von der Forschergruppe hielt einen Vortrag mit dem Thema "Der Streit um die Atomenergie im deutschen Protestantismus". Ausgehend vom historischen Beispiel der Auseinandersetzung um das geplante Kernkraftwerk im baden-württembergischen Whyl erläuterte er die protestantische Beteiligung an den damals geführten Debatten. Dabei zeigte er mittels einer zeitgeschichtlichen und soziologischen Nuancierung der Fragestellung den Konnex zwischen dem deutschen Protestantismus und der Anti-Atomkraft-Bewegung auf und stellte seine Erkenntnisse zugleich im interdisziplinären Forum zur Diskussion.

An der Veranstaltung nahmen neben Tim Schedel auch weitere Mitarbeiter der Forschergruppe teil: Michael Greder, Annette Hausmann und Anne-Friederike Hoffmann sowie Sabrina Hoppe und Hendrik Meyer-Magister aus der ersten Förderphase brachten die Arbeit der Forschergruppe ins Gespräch. Zu der Veranstaltung wurden insgesamt etwa 25 Personen eingeladen, die entweder mit der "Deutschen Akademie der Technikwissenschaften" (acatech) oder dem "Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften" assoziiert sind.

Im weiteren Programm standen noch zwei Vorträge von Technikwissenschaftlern und die Präsentation des Bürgerdialogs für die Trassenplanung des Großprojektes "SuedLink". Ergänzt wurden die Vorträge und fachlichen Diskussionen durch ein abendliches Kamingespräch der Teilnehmer mit dem Landespolitiker Erwin Huber (CSU).

Einen weiteren, von Niklas Schleicher (LMU München) verfassten Bericht zu der Tagung finden Sie auf der Homepage des TTN.

Die Forschergruppe 1765 ist in ihre zweite Förderphase gestartet. Auf dem ersten Workshop auf Gut Schönwag bei Weilheim, dem bewährten Tagungsort der Forschergruppe, diskutierten die Projektleiterinnen und Projektleiter mit den neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Ansätze zur Erforschung des Protestantismus in den 1970er und 1980er Jahren. In der zweiten Phase des DFG-Projekts arbeiten seit dem 1. Oktober 2016 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Standorten München, Göttingen und Erfurt an den neuen Unterprojekten der beteiligten Fächer Evangelische Theologie, Zeitgeschichte, Politik- und Rechtswissenschaften. Die Beteiligten danken den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ersten Förderphase von 2013 bis 2016 und wünschen ihnen alles Gute für ihren weiteren beruflichen und wissenschaftlichen Werdegang.