260 Ziel, Interesse oder Aufgabe

Neben dem Ostkirchenausschuss (Kirchlicher Hilfsausschuss für die Ostvertriebenen) wurde auf einer Tagung in Hannover-Herrenhausen und Kästorf am 1.-3. März 1951 die Gründung des Ostkirchenkonvents (Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen) beschlossen. Gemäß der Geschäftsordnung stelle der Konvent „die Zusammenfassung aller Hilfskomitees zur Wahrnehmung ihrer gemeinsamen [kirchlich-seelsorgerlichen und diakonischen] Aufgaben [dar]. Sein Verhältnis zum Ostkirchenausschuß war ursprünglich, wie den Worten Friedrich Spiegel-Schmidts zu entnehmen ist, als das Verhältnis zwischen Exekutive und Legislative gedacht: „Der Ostkirchenausschuß sieht in den Hilfskomitees gesamtkirchliche Organe, die über den Föderalismus der Kirchen zusammenfassend wirken und die doppelte Aufgabe der Seelsorge und der Diakonie haben, die nicht zu trennen sind. Der Konvent der Hilfskomitees ist als Plenum anzusehen, der den Ostkirchenausschuß als delegierte Stelle mit Exekutivwollmachten versieht“ (Rudolph, Kirche und Vertriebene Bd. 1, S. 421). Der Konvent sollte den mit geringen Kompetenzen ausgestatteten Ostkirchenausschuss zusätzlich mit kirchenrechtlcher Legitimität ausstatten und war letztlich eine Fortsetzung der erfolglosen Bemühungen, die „EKD-Gremien zur Anerkennung selbständiger Ostkirchenorgane zu bewegen.“ Diese Bemühungen erklären sich vor dem Hintergrund, dass sich mit der Verabschiedung des „Kirchengesetzes zur Ordnung des Hilfswerkes“ die Kompetenzen von der gesamtkirchlichen auf die föderativ-landeskirchliche Ebene verlagerten, so dass zu befürchten war, „daß die im Evangelischen Hilfswerk ja noch immer verankerten Hilfskomitees eine wichtige Grundlage gesamtkirchlicher Repräsentanz verlieren würden" (Rudolph, Bd. 1, 421f). Diese Pläne fanden allerdings nicht die Zustimmung der EKD. Die am 28.8.1951 angenommene Geschäftsordnung sah lediglich eine beratende Tätigkeit des Ostkirchenkonvents vor. Er habe demnach die „Aufgabe, maßgebliche Vertreter, die in der kirchlichen, sozialen und politischen Arbeit der Vertriebenen stehen, zur Fühlungnahme und Beratung zusammenzufassen. Indem er sich bewußt auf die beratende Funktion beschränkt, verzichtet er darauf, ein eigenes kirchliches Organ sein zu wollen. Er hofft jedoch, daß die Ergebnisse seiner Beratung hilfreich sein können sowohl für den Dienst in den Gemeinden und in den Landeskirchen, als auch für die gesamtkirchliche Ausrichtung der Vertriebenenarbeit im Sinne der Evangelischen Kirche in Deutschland.“ Der Ostkirchenkonvent verstand sich nicht als kirchliches Organ im engeren Sinne, sondern als Mittelpunkt der gesamten Vertriebenenarbeit. Es galt, die die Vertriebenen bewegenden Fragen aus einem "christlichen Geist" zu durchdringen (Spiegel-Schmidt). Dabei sollten einerseits die Belange der evangelischen Vertriebenen innerhalb der Kirche verstärkt auf die Agenda gesetzt werden, andererseits sollte eine Plattform geschaffen werden, auf der eine christliche Durchdringung und Beeinflussung der säkularen Vertriebenenverbände möglich sei. Zu diesem Zweck sollten neben den Vertretern der Hilfskomitees, der Kirchenkanzlei und des Hilfswerks auch Personen des öffentlichen und politischen Lebens auf die Sitzungen des Konvents eingeladen werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Ostkirchenausschuss als Repräsentationsorgan der evangelischen Vertriebenen in der Organ eher für die kirchenpolitischen Belange, der Ostkirchenkonvent dagegen für die themenbezogene inhaltliche Auseinandersetzung mit der Vertriebenenproblematik zuständig war. Auch die organisatorische Struktur der beiden Gremien unterschied sich: Während der Ostkirchenausschuss ein subordiniertes Organ der EKD und somit in die EKD-Strukturen eingebunden war, war der Konvent ein freier eingetragener Verein und als solcher außerhalb der EKD. Zwischen Ostkirchenausschuss und Ostkirchenkonvent bestanden große personelle Überschneidungen. In der Zeitschrift Der Remter. Zeitschrift für Kultur und Politik in Osteuropa wurden viele der auf den Konventstagungen gehaltenen Referate publiziert. Referenten waren u.a. Spiegel-Schmidt, Friedrich, Girgensohn, Herbert, Gülzow, Gerhard, Landsberg, Ludwig, Oppen, Dietrich von und Wendland, Heinz-Dietrich. Themen waren u.a. die Heimatrechtsproblematik, das Selbstbestimmungsrecht, das reformatorische Erbe in Osteuropa oder die Situation der Vertriebenen in der modernen Gesellschaft.



4208 Geschichtliche Stationen und Daten

1.-3.3. 1951 Gründung des Ostkirchenkovents

28.8.1951 Verabschiedung einer Geschäftsordnung

Wichtige Tagungen:

1951 1. Konventsagung in Ratzeburg (Thema: Verhältnis zu den Landsmannschaften)

1952 Tagung zum Thema "Heimat und Volkstum" in Königswinter

1953 Tagung "Europäische Sendung - evangelischer Auftrag" in Reichenau

1954 Tagung "Christus die Hoffnung der Welt" (Vorbereitung der Vollversammlung der Weltkirchenkonferenz (Evanston 1954) in Königswinter)

1957 Tagung "Schuld und Verheißung deutsch-polnischer Nachbarschaft" in Hameln

1959 Tagung "Heimatrecht und Selbstbestimmungsrecht" in Königswinter

Netzwerk

510 Ostkirchenausschuss (Kirchlicher Hilfsausschuss für die Ostvertriebenen) (Personelle Überschneidungen, beratendes Organ)

510 Der Remter. Zeitschrift für Kultur und Politik in Osteuropa (Publikationsorgan)

510 Bundesvertriebenenministerium (finanziert die Tagungen; personelle Überschneidungen über Franz Hamm und Ottmar Schreiber)

500 Hamm, Franz (Vorsitzender des Konvents, bis 1965)

500 Girgensohn, Herbert (Mitglied, Referent)

500 Spiegel-Schmidt, Friedrich (Mitglied, Referent)

500 Gülzow, Gerhard (Mitglied, Referent)

500 Brummack, Carl (Mitglied, Referent)

500 Kruska, Harald (Mitglied, Referent)

500 Königsstein, Harald von (Chefredakteur des Remter)

500 Landsberg, Ludwig (Referent, Mitgliedschaft abgelehnt)

500 Oppen, Dietrich von (Referent)

500 Wendland, Heinz-Dietrich (Referent)

500 Iwand, Hans Joachim (Referent)

500 Schreiber, Ottomar (Referent)

500 Seraphim, Hans-Jürgen (Referent)

Publikationen

Eigene Publikationen

692 Der Remter. Zeitschrift für Kultur und Politik in Osteuropa (Zeitschrift)

Archivbestände

670 EZA Berlin Bestand 17/697ff

Veröffentlichungen über die Institution

730 Rudolph, Hartmut: Evangelische Kirche und Vertriebene 1945-1972. Band I: Kirchen ohne Land. Die Aufnahme von Pfarrern und Gemeindegliedern aus dem Osten im westlichen Nachkriegsdeutschland: Nothilfe - Seelsorge - kirchliche Eingliederung, Göttingen 1984.

730 Rudolph, Hartmut: Evangelische Kirche und Vertriebene 1945 bis 1972. Band II: Kirche in der neuen Heimat. Vertriebenenseelsorge - politische Diakonie - das Erbe der Ostkirchen, Göttingen 1985.

730 Gülzow, Gerhard: Die Unverlierbarkeit evangelischen Kirchentums aus dem Osten, Düsseldorf 1973.

100 Name: Konvent der zerstreuten evangelischen Ostkirchen

410 Abkürzung: Ostkirchenkonvent

006 DNB-Link: 

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