Die bundesrepublikanische Gesellschaft durchläuft in der Nachkriegszeit einen Prozess beschleunigter Individualisierung. Im Hintergrund stehen zum einen die Erfahrungen des nationalsozialistischen Vergemeinschaftungsterrors, zum anderen die Begleiteffekte des rasant steigenden Wohlstands in den Aufbaujahren. Die protestantische Ethik sucht diesen Prozess theologisch zu verarbeiten und zu steuern, treibt ihn damit aber zugleich voran. Die Leitperspektive richtet ihr Augenmerk darauf, wie im Medium des weitgefächerten kirchlich-theologischen Engagements in den einschlägigen ethischen Debatten der gesellschaftliche Individualisierungsschub theologisch gedeutet und verarbeitet wird.

Das Teilprojekt wird betreut von Prof. Dr. Reiner Anselm

Die Nebenfolgen der Modernisierung und die Bewahrung der Schöpfung

Das Projekt wird bearbeitet von Friederike Hoffmann

Im Teilprojekt soll es um die Rolle des Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik im Zeitraum der 70er und 80er Jahren gehen - genauer um die vom Protestantismus selbst diagnostizierten und als krisenhaft wahrgenommenen Nebenfolgen der Modernisierung und um die als notwendig erachteten und propagierten Umorientierungen. Welche Konsequenzen ergaben sich daraus für den Protestantismus?

Die Individualisierungsprozesse, die Ulrich Beck in seiner soziologischen "Diagnose der Gegenwart" beschreibt, bilden die Leitperspektive des Teilprojekts. Beck bezeichnet den Wandel in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren in seinen späten Arbeiten als "reflexive Modernisierung": So macht nun die Moderne in dieser zweiten Phase ihre eigene Entwicklung zum Gegenstand kritischer Analyse. Im Laufe dieses Prozesses kommt es zu Nebenfolgen, die weder intendiert noch geplant oder vorhersehbar sind. Es ist charakteristisch für diese Nebenfolgen, dass sie die ursprüngliche Handlungsintention unterlaufen können.

In den ethischen Debatten rücken vor allen Dingen die kollektiven Risiken, die sich aus der fortgeschrittenen, technisch unterstützten Individualisierung ergeben, in den Fokus. Wie auf diese Entwicklungen und Risiken eine Antwort gegeben werden kann, wird ein zentrales Thema im Protestantismus.

Beispielhaft soll an den konkreten Debatten um die Sicherung des Friedens, um den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen angesichts der heraufziehenden ökologischen Krise und um die Frage der internationalen Gerechtigkeit die theoretische Grundierung herausgearbeitet werden, die unter der Programmformel "Bewahrung der Schöpfung" schnell populär wird.

Im Zentrum steht die Untersuchung der Schöpfungssemantik innerhalb der Debatten, ihre spezifische Funktion und ihre Ausformung. Der parolenhafte Gebrauch dieser Formel rückt zunehmend in programmatischer Weise in den Vordergrund.

Folgende Fragestellungen resultieren daraus:
Wie konnte es gelingen, mit dieser Formel Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen?
In welchen Kreisen wird diese Idee populär?
Kann diese Figur, wie es den Anschein hat, tatsächlich die die Geschichte des Protestantismus so stark prägende Bipolarität zwischen dem eher konservativen, lutherischen Flügel und einem eher progressiven, tendenziell der reformierten Tradition in Gestalt der Theologie Karl Barths zuneigenden Flügel überwinden?
Ist es möglich mit Hilfe dieser Programmformel den Brückenschlag zu schaffen zwischen einer eindeutig christlichen Traditionslinie und einem eher säkularen Naturverständnis?
Wie positionieren die leitenden Akteure wie Ulrich Durchrow, Heino Falcke, Günter Altner, Gerhard Liedke, Jürgen Moltmann und auch Wolfgang Huber die Programmatik der Schöpfung?

Die Bedrohung des Lebens durch die Gentechnik

Das Projekt wird bearbeitet von Michael Greder

Im Sommer 1978 erblickte Louise Brown das Licht der Welt. Sie wurde für viele zum Beispiel der scheinbar unendlichen Möglichkeiten des technischen Fortschritts. Die Gesellschaft wurde von der Macht des Faktischen überrollt. Louise Brown ist der erste Mensch, der aus einer extrapolaren Befruchtung hervorging. Im Labor, so schien es, schuf der Mensch die Möglichkeiten seiner eignen Existenz neu. Die rasanten Entwicklungen in der Biotechnik riefen viele diffuse Ängste hervor und eröffneten eine Debatte, die teilweise undifferenziert geführt wurde.

So hatte z.B. die extrapolare Befruchtung im engeren Sinne nur wenig mit der Gentechnik zu tun. Allerdings war es den protestantischen Akteuren der Zeit kaum möglich, in gebotener Eile fundiert und differenziert auf die Diskussionen einzuwirken. Die Bioethik war noch nicht aus der Taufe gehoben und man bediente sich gewohnter Argumentationsmuster aus vorangegangen Debatten. Bisher erkenne ich zwei große Felder, von denen aus man sich dem Kern der Debatte um die Gentechnik näheren kann: Zum einen über Fragen, die eine individuelle Entscheidung fordern: Darf ich mit biotechnischen Methoden ein Leben hervorbringen? Zum anderen Fragen, die allgemeiner an den Begriff der Person gerichtet sind: Verändern naturwissenschaftliche Erkenntnisse unser Verständnis von Person und Individualität?
Mein Anliegen ist es, die Debattenlage zu entwirren und Kategorien sowie Kriterien für ihre Bewertung bereitzustellen. So können zukünftige Forscher gezielter ethische Problemfelder des Nachkriegsprotestantismus untersuchen.

Die Bedrohung des Lebens durch die Atomkraft

Das Projekt wird bearbeitet von Tim Schedel

Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass sich die Warnung an die „Risikogesellschaft“ am 26. April 1986 erfüllte. Das Reaktorunglück von Tschernobyl führte das verheerende Potential und die Unkontrollierbarkeit der Kernenergiegewinnung in einem bis dato unbekannten Ausmaß vor Augen. Ulrich Beck musste seinem abgeschlossenen Werk „Risikogesellschaft“ im Mai 1986 „Aus gegebenem Anlaß“ ein weiteres Vorwort voranstellen: „Die Rede von (industrieller) Risikogesellschaft […] hat einen bitteren Beigeschmack von Wahrheit erhalten. […] Ach, wäre es die Beschwörung einer Zukunft geblieben, die es zu verhindern gilt!“ (S. 8-9)
Doch Ziel dieses Unterprojekts ist es nicht, in Resignation zu verharren, sondern es soll eine konstruktive Aufarbeitung der Debatten um die Atomkraft im Protestantismus vorgenommen werden. „Die Bedrohung des Lebens durch die Atomkraft“ unter der Leitperspektive der „Individualisierungsprozesse als Referenzpunkt theologisch-ethischer Theoriebildung“ soll auf folgende Weise untersucht werden:

Untersucht man das Thema unter einem chronologischen Blickwinkel, so wird es in nahezu der gesamten Zeitspanne der Bonner Republik verhandelt: Im Jahr 1957 gab es einen die Atomkraft unterstützenden „Aufruf der Göttinger 18“, doch fand sich bereits in den 1960er Jahren eine breite Gegnerschaft im Umfeld der neu erbauten Atommeiler. In den 70er und 80er Jahren äußerte sich die Kirche mehrfach zum Thema und es kam zu Überschneidungen mit der Friedens-, und Umweltbewegung sowie den Neuen Sozialen Bewegungen generell. Der Schock von Tschernobyl 1986 änderte die Debattenlage völlig, zumal sich die Befürchtungen, die bisher auf einer theoretischen Ebene geäußert wurden, schlagartig realisierten. Die Aufarbeitung dieses Dramas in den darauf folgenden Jahren stellt somit das zeitliche Ende dieses Unterprojekts dar, womit es sich mit dem Untersuchungszeitraum des Gesamtprojekts deckt.
Protestantinnen und Protestanten nahmen zu allen genannten Zeitpunkten aktiv an den Debatten teil. Es ist daher lohnend, den Zeitraum unter einem thematischen und akteursbezogenen Blickwinkel zu betrachten. Einzelpersonen wie bspw. Carl Friedrich von Weizsäcker äußerten sich in unterschiedlicher Weise zum Thema. Durch die Gründung von Posten des „Beauftragten für Umweltfragen des Rates der EKD“ sowie des Gremiums der landeskirchlichen Umweltbeauftragten schrieb sich die Kirche das Thema bewusst auf die Agenda. Auch die Evangelischen Akademien boten ein Forum für die Debatten zur Atomkraft. Dabei soll der Fokus auf die Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg gerichtet werden, die sich durch die Zusammenarbeit mit Experten auf fundierte Weise in die Debatte einbrachte.

Für das anstehende Projekt werden schließlich Zielsetzungen auf drei Ebenen formuliert: Erstens sollen die synchrone und diachrone Ebene zusammengeführt werden, um eine Skizze zur Debattenlage über die Atomkraft zu erhalten. Zweitens soll diese Skizze durch Zusammenarbeit mit thematisch anschließenden theologischen Projekten und Kooperation mit den Partnerdisziplinen Politikwissenschaft sowie Zeitgeschichte präzisiert werden. Drittens soll das Projekt als Puzzlestück in das Gesamtprojekt eingefügt werden, um ein umfassendes Bild des Protestantismus der Bonner Republik zu erhalten.

Individualisierung als Nebenfolge: Das Engagement des Protestantismus für die Kriegsdienstverweigerung (abgeschlossen)

Das Projekt wurde bearbeitet von Hendrik Meyer-Magister

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Rolle des Protestantismus in den bundesdeutschen Debatten um Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst. Es geht davon aus, dass in diesem materialethischen Debattenfeld vielfältige Wechselwirkungen zwischen Protestantismus und bundesdeutscher Gesamtgesellschaft zu beobachten sind. So wird es darum gehen, neben dem Engagement des Protestantismus für die Kriegsdienstverweigerung auch dessen innere Pluralität in dieser Frage sowie die Rückwirkungen der gesellschaftlichen Debatten auf den Protestantismus zu untersuchen.

Es ist zu vermuten, dass sich neben den Einwirkungen, die der Protestantismus etwa auf die Ausgestaltung des bundesdeutschen Rechtes auf die Kriegsdienstsverweigerung hatte, auch zeigen lässt, wie der Protestantismus selbst langfristig und beeinflusst durch die gesellschaftlichen Debatten um Wiederbewaffnung und Zivildienst sein Gesicht veränderte. Unter der Leitperspektive der „Individualisierung“ soll so einerseits am Thema der Kriegsdienstverweigerung herausgearbeitet werden, wie der Protestantismus auf die Individualisierungsschübe reagierte, die nach dem Soziologen Ulrich Beck die bundesdeutsche Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchliefen. Inwiefern trug der Protestantismus andererseits selbst zur Individualisierung der Gesellschaft bei? Und inwiefern kam dabei zu einer Individualisierung und Pluralisierung des Protestantismus selbst?

Individualisierung als Herausforderung: Emanzipation der Frau, Wandel im Familienbild, Neubewertung des Schwangerschaftsabbruchs (abgeschlossen)

Das Projekt wurde bearbeitet von Sarah Jäger

Dieses Teilprojekt geht von Ulrich Becks Theorem einer beschleunigten Individualisierung in der Bundesrepublik nach 1945 aus und untersucht ihre Rezeption in der theologisch-ethischen Theoriebildung anhand des materialethischen Themenfeldes der Emanzipation der Frau, des Wandels im Familienbild und der Neubewertung des Schwangerschaftsabbruchs. Die Individualisierungsprozesse innerhalb der Nachkriegsgesellschaft haben dabei vielfältige Gründe.

Der Arbeit im Projekt liegt die These zugrunde, dass sich die innerprotestantische Position der Nachkriegszeit wandelte von einer zunächst stark konservativ-restriktiven Position, die an der Festschreibung oder sogar Wiedergewinnung einer patriarchalisch geprägten Rollenverteilung in Ehe und Familie und an einer strikten Ablehnung des Schwangerschaftsabbruchs festhielt, hin zu einer Liberalisierung der eigenen Positionen, die sich im Laufe der Zeit immer mehr beschleunigte und damit auf die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse reagierte.

Das Teilprojekt untersucht dabei sowohl kirchliche Stellungnahmen, besonders auch aus dem Bereich der evangelischen Frauenarbeit, als auch die Prozesse der theologisch-ethischen Theoriebildung und analysiert die Wechselwirkungen zwischen den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen und der innerprotestantischen Meinungsbildung im Blick auf das Familienbild und die Rolle der Frau. Dabei wird deutlich, wie der Protestantismus die Individualisierungsprozesse als Herausforderung begriff, die er zwar gerade in seiner ethischen Theoriebildung und über das offizielle kirchliche Wirken zu bekämpfen suchte, während sich zugleich gerade im Bereich der Frauenarbeit in immer stärkerem Maße herausstellte, wie die evangelische Hochschätzung des Individuums sich auf materialethische Entscheidungen auswirkte.

Vier Beobachtungspositionen stehen bei dieser Untersuchung in Wechselwirkung zueinander: die Theorie der Individualisierung mit einem besonderen Schwerpunkt auf Geschlecht als Wissenskategorie und seine Konstruktion, die ethischen Debatten in der EKD und in der Evangelischen Frauenarbeit, die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in der Bundesrepublik und die Analyse der Situation von Frauen.

In besonderer Weise soll ein Fokus des Teilprojektes auch auf die Verbindung zwischen bundesdeutscher Politik und weiblichem Verbandsprotestantismus gelegt werden, paradigmatisch verdeutlicht in der Person Elisabeth Schwarzhaupts. Somit ist eine Analyse der Diskussionsprozesse innerhalb der evangelischen Frauenverbände unabdingbar. Gerade auch im Zusammenhang mit ökumenischen Begegnungen vollzieht sich eine Annäherung des Protestantismus an die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die oben geschilderte Individualisierungstendenz wird auch in den Auseinandersetzungen um den Schwangerschaftsabbruch sichtbar, dies muss noch in vertiefender Weise untersucht werden.

Anhand der gewählten materialethischen Vertiefung lässt sich exemplifizieren, wie der bundesdeutsche Protestantismus in seinen verschiedenen Darstellungsformen auf die gesellschaftlichen Veränderungen im Zuge der Individualisierung reagierte und welche Veränderungen sich im Bereich von Rollenzuschreibungen und der Konstruktion von Geschlecht vollzogen, die massive Auswirkungen auch auf den Protestantismus der Gegenwart haben.